"Strawanzen"

gemäß Duden ist das ein bayrisch-österreichisches Wort und bedeutet: "herumtreiben, umherstreifen (statt zu arbeiten). Eine sehr gute Idee, das muss verwirklicht werden. Ein paar Urlaubstage noch vor dem heißen Sommer werden frei-, und das Gepäck auf das Motorrad geschaufelt (ich hab - schon wieder !! - zu viel Ballast mit, schaffe es einfach nicht Gepäck zu reduzieren, ich brauche dringend einen Gepäcktherapeuten), und als grobe Richtung werden spiegelklare Alpenseen im österreichisch-italienischen Bergland anvisiert.  Dort müsste es doch die entscheidenden paar Grad kühler sein, und die kurvenintensiven Anfahrten garantieren quf jeden Fall Fahrspaß pur. 

So sieht mein bepacktes Motorrad also wieder mal aus wie für einen 3 wöchigen Extremtrip gesattelt, obwohl es diesmal bloß etwa eine Woche werden soll. Na ja…. vielleicht brauch ich das alles ...

Und wie !  Die erste Station ist der Grünsee  etwas nördlich von Bruck an der Muhr. Er wird im Frühjahr durch Schmelzwasser gespeist, führt um diese Zeit daher viel Wasser, und er liegt mitten in einem bewaldeten Talkessel. Die intensive grüne Farbe seines Wassers funkelt in der Sonne und spiegelt die ringsum hoch aufragenden Berge wider.  Hier ist die Welt noch in Ordnung, zumindest bis etwa 15h, als mächtige Wolken aufziehen und ich mich nach einer wundervollen Seeumrundung inklusive Berganmarsch über die Pfarrerlacke zu einer Alm - zu Fuß natürlich - in weiser Voraussicht in mein Hotel zurückziehe.  Abends fetzen dann schon Blitze über den dunklen Himmel und es regnet heftig. 


Der nächste Morgen lässt kaum Erinnerungen an die turbulente Nacht zu, und ich breche hoffnungsfroh auf Richtung St.Jakob im Defereggental. Dort möchte ich den Obersee besuchen, und nur wenige Kilometer weiter auf italienischer Seite den Antholzersee. Auch der Regen möchte das, und auch er wählt zumindest in Schauerform die kurvenreiche Anreise über Erzberg, Gesäuse, Tauern, Krakauebene, sowie über die alte Katschbergpassstraße, und so kommen wir gemeinsam in St.Jakob an. 

Das Glück des Rumtreibers beschert mir eine wirklich nette Ferienwohnung mit einer gemütlichen Stube, und JETZT ist das viele Gepäck natürlich schon irgendwie super.  Ich kann den folgenden Regentag mit Laptop, Buch, und Aussicht auf besseres Wetter  gemütlich aussitzen. In St.Jakob findet gerade das Alpenrosenfest statt, es trommelt und trompetet, es klarinettet und posaunt, man singt und lacht dem Regen ins Gesicht, worauf dieser sich dann beleidigt verzieht.

 

Ausgeruht und tatendurstig mache ich tags darauf dem Obersee, dem Antholzersee, und sogar auch noch dem Pragser Wildsee meine Aufwartung. Nicht alleine wie ich bald bemerke, es ist Sonntag, der erste schöne Tag, man ist vielerorts und mit sämtlichen Freunden und Familien unterwegs. Nicht mein Lieblingsszenario, aber wir teilen uns die ersten Sonnenstrahlen brüderlich und auch die besten Plätze fürs fotografieren. Seufz. 
Anmerkung: den Pragser Wildsee will ich unbedingt noch einmal besuchen, im Herbst vielleicht, an einem Montag vormittag, wenn die italienische Fußballmannschaft ein unglaublich wichtiges Match gegen wen auch immer bestreitet, und gleichzeitig Sommerschlussverkauf  stattfindet und Ferrari ein entscheidendes Rennen fährt.    Dann gehört er mir alleine, der Wildsee.

Im Defereggental gibt es eine Legende, die von riesigen Rabenmenschen (Schnabelmenschen) erzählt. Sie lebten vor langer Zeit in diesem Tal und beschützten es (…wahrscheinlich vor den Menschen).  Erst durch die List eines jungen Burschen konnten diese Wesen besiegt und das Tal besiedelt werden. Ein Künstler schnitzte große Holzfiguren, die nun in den Wäldern herumstehen, und an jene Wesen erinnern sollen. Das ist ein bissl gruselig - beim richtigen Wetter. ;-)


 09 Grad und Nebel auf 2000 Meter Seehöhe am Stallersattel hatte ich schon, jetzt versuche ich etwas anderes. Eine Hitzewelle rollt an, und Schnee scheint mir ein effektives Mittel gegen zu viel Hitze zu sein.  Aber … woher nehmen ? Mein aktueller Tipp:  die Maltatal Höhenstraße befahren, ein kleines Abenteuer mit Felstunnels und einer ampelgeregelten einspurigen  Passage. Oben auf etwa 1900 Meter muss das Motorrad parken, und der Rucksack wird geschultert. Entlang eines Speicherstausees geht's mitten hinein in eine fantastische Bergwelt. Kalte Dusche beim Überqueren von kleinen Wasserfällen und eine kühle Schneefeldwanderung inklusive. So lässt sich die Hitzewelle aushalten, und ich kann den nächsten See abhaken. 


Nicht immer zeigt sich die Bergwelt so postkartenromantisch. Einen Tag zuvor fahre ich durch das Lesachtal, und werde wegen einer Totalsperre der Straße auf eine Umleitung geführt. Ein massiver Erdrutsch hat die gesamte Fahrbahn weggerissen. Das sieht dramatisch aus, und die Umleitung ist eine schmale Schotterstraße, die von fleißigen Arbeitern für uns Reisende halbwegs befahrbar gemacht wird.
Nur eine Stunde später im Grenzgebiet Italien/Österreich werde ich schon wieder wegen einer Straßensperre umgeleitet. Diesmal allerdings bin ich im einsamen Hinterland unterwegs, außer Holzfällern und einigen Bauern fährt hier offensichtlich niemand, und als die "Umleitung" in einen steilen Waldweg mündet, gebe ich auf. Als Alleinreisender darf ich die Vernunft nicht vernachlässigen, wenn ich hier einen Unfall habe, finden mich wahrscheinlich erst die Archäologen irgendwann im Jahr 2500.

Das schwere Motorrad mit dem ganzen Gepäck auf dem steilen Waldweg zu wenden zeigt mir übrigens wieder einmal, wie schnell aus dem lässigen Motorradfahrer ein schwitzender und fluchender Waldschrat wird, dem gerade einfällt, dass hier niemand helfen würde, wenn die 250 Kilo Motorrad zu Boden gehen. 


Mein nächster Besuch gilt den beiden Gosauseen in Salzburg. Bis zum vorderen Gosausee führt ein Straße inklusive Gasthaus, Souvenierladen und Seilbahn. Ab hier wird der hintere Gosausee zu Fuß in Angriff genommen.  Die beiden Gosauseen liegen am Fuße des Dachsteinmassives und die Ausblicke rundum sind dementsprechend spektakulär. Der vordere Gosausee ist schon ein faszinierender Anblick, der hintere Gosausee ist noch weit schöner - vor allem aber "weit".

Es ist warm, sommerlich schwül, und ich schweiße mich mühsam bergauf, krieche von Baumschatten zu Baumschatten und hoffe sehr auf einen Brunnen bei der Alm am hinteren Gosauseee, weil meine Wasservorräte noch schneller schrumpfen als mein Ehrgeiz. Psychologische Unterstützung und Kühlung leisten viele kleine Bäche und Tümpel, die zwischen den beiden Seen immer wieder am Wegesrand entlangplätschern, den Weg kreuzen, und wirklich zauberhafte Ausblicke in eine Waldwasserwelt bieten. Das Wasser ist kristallklar und lässt jedes Detail am Grund erkennen. Sicher kann man auch dieses Wasser trinken.

Etwa 2 Stunden später durchbricht der Weg auf einem kleinen Pass die umliegenden Berge und gibt den Blick frei auf einen romantischen Talkessel mit dem hinteren Gosausee. Gipfel an Gipfel reiht sich rings um das kleine Tal und alle schauen sie mir zu, wie ich tapfer durch die letzten Schneereste bis zur Alm marschiere. Die hat Ruhetag (war auch so am Beginn des Weges ausgeschildert), und Brunnen finde ich keinen. Das klare Seewasser ist sicher trinkbar, nur die Herde Kühe, welche ebenfalls temperaturbedingt im See herumsteht, verdirbt mir dieses Vorhaben dann doch. Aber die verständnisvollen Betreiber der Alm haben diverse Wasserflaschen in einem kühlen Becken für den durstigen Wanderer  bereitgestellt.  Perfekt, danke! 

Der Rückweg verläuft verständlicherweise dann eher bergab, und das Gasthaus beim vorderen Gosausee beflügelt meine Kraftreserven. Ich versuche die vielen tollen Ausblicke in die Bergwelt im Kopf abzuspeichern, die Fotokamera hilft mir dabei immer wieder mal. Ich brauche diese Bilder später im grauen Büro unbedingt zur geistigen Rehabilitation zwischendurch. Abends im Gasthaus, immer noch mit Blick auf den Dachstein, werden dann die verbrauchten Energien sehr schmackhaft wieder aufgefüllt.

Österreich ist schon ein bemerkenswert schönes und vielfältiges Ländle, vor allem wenn man touristische Zentren und Wochenenden meidet und auf stillen Wegen unterwegs ist.  Oft zweigen auf meinen Wanderungen noch weitere gewundene Wege links und rechts ab, die wer weiß schon genau wohin führen, alle müsste man sie gehen, ihre Landschaften und Stimmungen, Geräusche und Gerüche erfahren. Doch für mich ist diese Reise an den traumhaften Gosauseen zu Ende. Morgen geht es heimwärts. Noch einmal über die Tauern und durch die Wildalpen, bis schließlich die Berge niedriger, die Straßen breiter werden, und die Menschen näher rücken.

Bis zum nächsten Mal auf Reisen, euer Michel.

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Kommentare: 4
  • #1

    Andy (Mittwoch, 26 Juni 2019 07:26)

    na sehr fein, tolle pix! gute reise, 'türlich leite ich den link an interessierte weiter ;)

  • #2

    Christine (Mittwoch, 26 Juni 2019 09:09)

    Sehr schöne Bilder, die meine Sehnsucht befeuern. Nicht immer ist der Weg das Ziel. Manchmal muss man/frau auch innehalten und der Schönheit der Natur (Musik, Dirndln/Lodenjanker, Ziegen, Unwetter - bitte nach Bedarf ersetzen) huldigen ;-)

  • #3

    Susi (Donnerstag, 27 Juni 2019 17:12)

    Danke für's Teilhaben und für die wunderbaren Bilder! Tatsächlich wird mir, die ich hier bei 34 Grad sitze, schon durch's Anschauen ein bisschen kühler beim Anblick dieser stillen Seen! Ja, da wär ich jetzt auch ganz gern. Deine launigen Texte dazu sind ebenfalls erfrischend - was für eine Freude. You make my days! Auch diesmal hab ich wieder einen Favoriten unter den Fotos - es ist die Fichte in der Wolke/im Nebel, einfach herrlich! Also, lieber Michels, bitte fahr, fotografiere und schreibe weiter, bleib schön aufrecht und schau, dass Du immer ein paar Pinienkerne oder sowas für etwaige Begegnungen mit den Vogelwesen in der Tasche hast (cooles Foto, super Stimmung!) Bitte weiter so!

  • #4

    Peter (Freitag, 28 Juni 2019 08:56)

    Dein Blog treibt in mir die Sehnsucht hoch - ich will auch!
    Offensichtlich bist du mit deiner neuen Nikon schon auf du-und-du => wunderbare Fotos!
    Hoffe, du kommst bald auf einen Kaffe vorbei. Freue mich schon auf die Gesichten und deine Fotos!